Bagger hebt eine Baumgrube am Bürgerhaus Wißmar aus, im Hintergrund Wohnhäuser

Projekt

Reallabor Wettenberg

Reallabor Bürgerhaus Wißmar: Vergleich strukturstabiler Baumsubstrate unter Realbedingungen

Am Bürgerhaus Wißmar entsteht kein klassischer Platz mit klimaangepasster Begrünung, sondern ein Reallabor: ein dauerhaft instrumentierter Freiraum, in dem unterschiedliche Bauweisen für urbane Baumstandorte unter identischen Standortbedingungen systematisch miteinander verglichen werden.

Der öffentliche Raum dient dabei nicht als Demonstrationsfläche, sondern als Messfeld. Ziel ist es, belastbare Erkenntnisse über die Leistungsfähigkeit strukturstabiler Baumsubstrate zu gewinnen – nicht im Labor oder Versuchsfeld, sondern im realen Straßen- und Platzraum.

Der Standort vereint typische Randbedingungen kommunaler Freiraumprojekte: Verkehrsflächen, Leitungen, Verdichtung, wechselnde Wasserverfügbarkeit und hohe thermische Belastung im Sommer. Genau diese Bedingungen machen ihn für einen experimentellen Ansatz geeignet.

Statt sich für ein einzelnes „bewährtes“ System zu entscheiden, wurde bewusst ein anderer Weg gewählt: Mehrere Substratsysteme werden parallel eingebaut – räumlich klar voneinander getrennt, aber klimatisch und konstruktiv vergleichbar.

Lageplan des Platzes am Bürgerhaus Wißmar mit farbig markierten Baumstandorten der Substratvarianten
Lageplan Bürgerhaus Wißmar mit Verortung der Substratvarianten. Quelle: Büro Zick-Hessler, Wißmar (überarbeitet)

Versuchsaufbau: fünf Systeme, ein Standort

Im Reallabor werden fünf Bauweisen für Baumstandorte untersucht:

  • Stockholmer Modell – „das Original“: strukturstabile Grobschlagschicht aus Schotter mit eingemischter, nährstoffangereicherter Pflanzenkohle und Kompost, darüber eine feinere Wurzelzone.
  • Zürcher Modell: mehrschichtiger Aufbau (A2/A1/B) mit definierten Mischungen aus Mischgesteinsschotter, Blähschiefer, Bodenanteilen und konditionierter EBC-Pflanzenkohle.
  • Grazer Modell: Kombination aus klassischem Baumsubstrat im Wurzelbereich und strukturstabilem Grobmaterial mit Feinsubstratanteilen im Unterbau.
  • KlimaFarmer-Modell: FLL-Baumsubstrat mit erhöhtem Pflanzenkohleanteil und humifizierten Kohlenextrakten, kombiniert mit strukturstabilem Unterbau.
  • Kontrollvariante: konventionell hergestellte Baumstandorte, ebenfalls instrumentiert, als Referenzsystem.

Alle Varianten werden im selben Projektgebiet eingebaut – mit vergleichbaren Baumarten, identischer Exposition und gleichen Oberflächenbelastungen.

Schemazeichnung eines Baumstandorts mit Abmessungen und Schichtenaufbau
Schemazeichnung eines Baumstandorts mit Positionen der Sensoren
Schema eines Baumstandorts (BaumSTO) mit Abmessungen, Schichtenaufbau und Positionierung der Sensorik

Messkonzept

Das Reallabor ist als messbasierter Freiraum konzipiert. Im Mittelpunkt stehen die kontinuierliche Erfassung der bodenphysikalischen Prozesse im Wurzelraum und die objektive Dokumentation der oberirdischen Baumreaktion. Zentrale Instrumente sind Bodenfeuchte- und Bodentemperatursensoren sowie regelmäßige LiDAR-Erhebungen.

Bodensensorik im Wurzelraum

Jeder untersuchte Baumstandort ist mit vier Bodenfeuchte- und Bodentemperatursensoren (SMT-100) ausgestattet, die in unterschiedlichen Tiefen im Substrataufbau installiert werden. Insgesamt kommen 60 Sensoren zum Einsatz. Sie erfassen kontinuierlich, wie sich Wasserverfügbarkeit, Austrocknung und Temperatur im durchwurzelbaren Raum entwickeln. So lassen sich Unterschiede zwischen den Substratvarianten direkt und vergleichbar quantifizieren – insbesondere in Hitze- und Trockenphasen.

Die Sensoren werden zeitgleich mit dem Einbau der Substrate installiert. Die Datenerfassung beginnt also nicht erst im etablierten Zustand, sondern dokumentiert die Entwicklung der Baumstandorte ab dem ersten Betriebstag.

Kontinuierliche Datenübertragung

Die Sensoren sind über NB-IoT-Datenerfassungseinheiten vernetzt. Die Messwerte werden im 60-Minuten-Intervall automatisch übertragen und zentral gespeichert. Das ermöglicht eine hochaufgelöste Langzeitbeobachtung ohne manuelle Datenerhebung und bildet die Grundlage für eine belastbare Analyse von Substratfunktion, Wasserhaushalt und Temperaturverhalten unter realen Nutzungsbedingungen.

LiDAR-basierte Erfassung der Baumreaktion

Ergänzend zur Bodensensorik wird die Entwicklung der Bäume oberirdisch mit regelmäßigen LiDAR-Scans erfasst. Die hochauflösenden 3D-Punktwolken dokumentieren Kronenvolumen, Blattflächenentwicklung und strukturelle Veränderungen über die Zeit.

Zusammen mit den bodenphysikalischen Messdaten entsteht so eine direkte Verknüpfung zwischen unterirdischen Prozessen (Wasser, Temperatur, Durchwurzelung) und der sichtbaren Reaktion der Bäume. Damit lassen sich die Auswirkungen der Substratsysteme nicht nur beschreiben, sondern quantitativ nachweisen.

Bilder vom Bau

Einbau der Makadamschicht und Herstellung des Pflanzsubstrats für das Stockholmer System (75 Vol.-% Splitt 2/6, 25 Vol.-% Pflanzenkohle/Kompost 50:50)

Minibagger baut Schotter in eine ausgehobene Baumgrube ein
Radlader und Schotterhaufen auf der Baustelle am Bürgerhaus
Blick in eine ausgehobene, teilweise mit Wasser gefüllte Baumgrube
Großflächig ausgehobene Baugrube vor Wohnhäusern
Ausgehobene Fläche mit eingebrachter Schotterschicht
Baustelle mit frischem Gehwegpflaster und Bestandsbaum
Belüftungsschacht auf einer Schotterschicht, daneben Personen
Datenlogger und Sensorkabel in einem Kunststoffrohr
Zwei Kunststoffrohre mit Datenloggern und aufgerollten Sensorkabeln
Zwei Arbeiter bauen Sensoren in eine Schotterschicht ein
Lkw mit Big Bags und Radlader auf einem Parkplatz
Mischen des Pflanzsubstrats mit Staubentwicklung vor einem Big Bag
Container mit gemischtem Splitt-Pflanzenkohle-Substrat
Neue Rasengitter- und Pflasterflächen über den Baumstandorten
Messstab in einer gebohrten Pflanzgrube im Boden
Pflanzung eines Baumes mit Radlader, Arbeiter mit Warnweste
Fertig gepflasterte Fläche mit Baumscheiben und jungen Bäumen
Baumscheibe mit frischem Substrat und Belüftungsschacht
Neu gestalteter Platz mit jungen Bäumen und Rasenflächen
Platzfläche mit Pflaster, Rasengittern und jungen Bäumen vor Wohnhäusern
LiDAR-Scanner auf einem Stativ auf dem neuen Platz
Person neben einem LiDAR-Scanner auf einem Stativ

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