Das Schwammstadtprinzip für Bäume

Wiener/Grazer System

Wurzelraum unter befestigten Flächen, Regenwasserverteilung und Substrataufbau: das österreichische Schwammstadtprinzip mit Erfahrungen aus Wien und Graz und der BAW-Orientierungshilfe 2026.

Das österreichische Schwammstadtprinzip erweitert den Wurzelraum von Stadtbäumen unter Gehwegen, Platzflächen und anderen befestigten Nebenflächen. Ein tragendes Steingerüst hält Hohlräume offen. Darin liegt ein Feinsubstrat, das Wasser und Nährstoffe speichert. Regenwasser wird gezielt eingeleitet; zugleich braucht der Aufbau einen funktionierenden Luftaustausch.

Die offene Pflanzgrube und der unterirdische Struktursubstratkörper bilden dabei einen verbundenen Wurzelraum. Der Baum kann über die sichtbare Baumscheibe hinauswurzeln. Die Wiener Stadtgärten beschreiben, wie diese Verbindung Wasser zurückhält und die Versorgung der Bäume verbessert.

Handgezeichneter Schnitt eines Baumstandorts mit Dachwasserzufuhr, Belüftungsschächten und Wurzeln unter dem Gehweg
Dachwasser gelangt rechts in den Unterbau; die Schächte verbinden den Wurzelraum mit der Oberfläche. Blaue Pfeile zeigen Wasserbewegung und Verdunstung. Illustration: Erwin Murer und Stefan Schmidt. Bildquelle: Black2GoGreen, Originalillustration.

Wie sich das Prinzip in Österreich entwickelt hat

Aufbauend auf den Erfahrungen aus Stockholm entwickelten die HBLFA Schönbrunn und das Bundesamt für Wasserwirtschaft im Auftrag der Stadt Wien ein System mit regional verfügbaren mineralischen Materialien. Seit 2018 unterstützt der Arbeitskreis Schwammstadt die Weiterentwicklung und den Austausch zwischen Planung, Forschung und Baupraxis. Die Entwickler beschreiben diesen Weg in Grimm et al. (2022).

In Graz wird das Stockholm-System seit 2017 eingesetzt, unter anderem an der Eggenberger Allee und am Kaiser-Josef-Platz. Das Forschungsprojekt MUFUWU am Leonhardgürtel wurde im Herbst 2021 fertiggestellt. In Wien entstanden unter anderem Standorte am Johann-Nepomuk-Vogl-Platz und in der Zollergasse; im Quartier am Seebogen wurde das Prinzip auf ganze Straßenzüge angewandt. Die Stadt Graz und die Stadt Wien dokumentieren diese Umsetzungen.

Schnittperspektive eines Grazer Baumstandorts mit Regenwasserzufuhr, Baumwurzeln unter dem Gehweg und Pfeilen für Wasser- und Kohlenstoffkreisläufe
Der Standort verbindet Regenwasserzufuhr, Verdunstung und den Einsatz von Pflanzenkohle aus organischen Reststoffen. Illustration: Gernot Passath / Stadt Graz. Quelle: Stadt Graz – Schwammstadt Graz.

Das Steingerüst trägt, das Feinsubstrat speichert

Beim zweiphasigen Einbau wird grobes, eng abgestuftes Gestein zunächst lagenweise eingebaut und verdichtet. Anschließend wird das Feinsubstrat in die verbleibenden Hohlräume eingeschlämmt. Lasten werden über die Kontakte der Steine abgetragen. Das eingeschlämmte Material bleibt zwischen diesen Kontaktpunkten als Wasser- und Nährstoffspeicher verfügbar.

Beim einphasigen Verfahren werden Gestein und Feinsubstrat vor dem Einbau gemischt. Die kleinere Körnung erleichtert das Mischen. Die beiden Verfahren benötigen unterschiedliche Feinsubstratanteile; ihre Rezepturen lassen sich deshalb nicht unverändert gegeneinander austauschen.

Nahaufnahme von kantigem Grobschlag mit dunklem, eingeschlämmtem Feinsubstrat zwischen den Steinen
Die hellen Steinflächen bleiben sichtbar; das dunkle Feinsubstrat liegt in den Zwischenräumen des Gerüsts. Foto: Erwin Murer. Bildquelle: Black2GoGreen, Originalfoto.
Englisch beschriftetes Schema der Lastübertragung über Steinkontakte mit Bodenpartikeln und Luft- beziehungsweise Wasserporen
Die Pfeile markieren die Lastübertragung von Stein zu Stein. Kleine Bodenpartikel und Poren liegen dazwischen. Bildquelle: Black2GoGreen, Originalgrafik „Loading or Compaction Effort“.

Zwei Einbauverfahren nach der Orientierungshilfe 2026

MerkmalZweiphasig: eingeschlämmtEinphasig: vorgemischt
Beispiel für das tragende Kantkorn90/150 mm oder ähnliche Abstufung32/63 mm oder ähnliche Abstufung
Feinsubstratanteil25 ± 5 Vol.-%15 ± 2 Vol.-%
ReihenfolgeSteingerüst einbauen und verdichten, danach Feinsubstrat einschlämmenGesamtsubstrat mischen, einbringen und angemessen verdichten

Quelle: Zeiser et al. (2026), BAW-Schriftenreihe 38, S. 12–15. Die Werte sind Empfehlungen der Orientierungshilfe. Die Dimensionierung berücksichtigt die geplante Oberflächennutzung und die Eigenschaften der verwendeten Materialien.

Arbeiter beim Einschlämmen mit einer Schlauchlanze; im Vordergrund liegt freigelegter Grobschlag, dahinter eine Schicht Feinsubstrat
Mit der Schlauchlanze wird das aufgebrachte Feinsubstrat in die Hohlräume des Grobschlags gespült. Bildquelle: Black2GoGreen, Originalfoto.

Sand, Kompost und Pflanzenkohle

Grimm et al. beschreiben 2022 eine in mehreren Projekten bewährte Feinsubstratmischung aus vier Teilen gering schluffigem Sand und einem Teil Kompostkohle. Die Kompostkohle besteht in diesem Beispiel zur Hälfte aus reifem Kompost und zur Hälfte aus Pflanzenkohle. Diese Rezeptur bezieht sich auf das Feinsubstrat, nicht auf das gesamte Volumen des Steingerüsts.

Die Eigenschaften der Mischung und ihr Anteil am Gesamtsubstrat bestimmen gemeinsam, wie viel Wasser gespeichert wird und wie gut Luft und Wasser durch den Aufbau gelangen. Zusammensetzung und Einbauzustand werden daher zusammen untersucht. Die Grundlage dieser Rezeptur ist direkt bei Grimm et al. (2022) dokumentiert.

Oben eine Schnittperspektive mit Pflanzgrube und unterirdischem Steingerüst; darunter die Verbindung zwischen Baumsubstrat, Schlämmsubstrat und lastabtragendem Grobschlag
Oben wird der Wurzelraum unter der befestigten Fläche sichtbar. Unten zeigt die Darstellung, wie Schlämmsubstrat in den Hohlräumen des lastabtragenden Grobschlags liegt. Grafik: 3:0 Landschaftsarchitektur (oben); Karl Grimm, Erwin Murer und Stefan Schmidt (Funktionsschema unten). Bildquelle: Black2GoGreen, Originalabbildung.

Der Wurzelraum wird als zusammenhängender Körper geplant

Die offene Pflanzgrube bietet dem Jungbaum einen unverdichteten Startbereich. Über den direkten Anschluss an das Struktursubstrat sollen sich die Wurzeln in den Unterbau und möglichst weiter in geeigneten angrenzenden Boden ausbreiten können. Größe, Substratqualität und durchwurzelbare Anschlüsse sind deshalb gemeinsam zu betrachten.

Die folgende Übersicht zeigt ältere Literaturansätze zur Wurzelraumgröße. Sie verwendet unterschiedliche Bezugsgrößen, Baumgrößen und Entwicklungszeiträume.

Historische Vergleichstabelle zu Wurzelraumgrößen aus FLL 2010, LWG 2016, Bakker und Kopinga 1988, CU-Structural Soil 2015 und einer Empfehlung von Murer 2020
Literaturvergleich mit unterschiedlich definierten Wurzelraumvolumina; die Tabelle enthält unter anderem die ältere Empfehlung von 35 m³ für mittlere Schwammstadtbäume. Bildquelle: Black2GoGreen, Originaltabelle.

Die Orientierungshilfe 2026 unterscheidet genauer: Für ihre vorgeschlagenen Wurzelraumwerte zählt sie den Feinsubstratanteil im Struktursubstrat und das zusätzliche Baumsubstrat zusammen. Für Zielkronendurchmesser unter 5 m, zwischen 5 und 8 m und über 8 m nennt sie auf dieser Basis mindestens 8, 20 beziehungsweise 30 m³. Die Zahlen lassen sich daher nicht unmittelbar mit einem Gesamtvolumen aus Stein und Feinsubstrat vergleichen.

Für Neupflanzungen empfiehlt die Orientierungshilfe mindestens 4 m³ unverdichtetes Baumsubstrat direkt am Ballen; für mittlere und große Zielbäume werden mindestens 12 m³ angestrebt. Quelle: Zeiser et al. (2026), S. 16–18.

Wasser verteilen, Luftaustausch erhalten

Die Belüftungs- und Verteilschicht verbindet Einläufe und Rohre mit dem Struktursubstrat. Sie verteilt zufließendes Wasser oberhalb des Wurzelraums und ermöglicht den Gasaustausch. Der in der Abbildung gezeigte Aufbau trennt diese Schicht mit einem Vlies vom darüberliegenden Straßenoberbau. Die Wurzelverbindungen zwischen Baumsubstrat, Struktursubstrat und angrenzendem Boden bleiben offen.

Schema des Schwammstadtsystems mit Baumsubstrat, eingeschlämmtem Grobschlag, Verteilschicht, Gully, Bodenfilter im Tiefbeet und Abdichtung zum Keller
Links wird belastetes Oberflächenwasser über ein Tiefbeet mit Bodenfilter eingeleitet. Rechts führt ein Gully weniger belastetes Wasser in die Verteilschicht. Der vergrößerte Schnitt zeigt Vlies, Verteilschicht und eingeschlämmten Grobschlag. Grafik: Karl Grimm, Erwin Murer und Stefan Schmidt (2021), wiedergegeben in Zeiser et al. (2023), Abb. 2, CC BY 4.0.

Pflanzenverfügbarer Speicher und kurzfristiger Rückhalt erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Wasser, das im Feinsubstrat gegen die Schwerkraft gehalten wird, steht den Wurzeln länger zur Verfügung. Die großen, rasch entwässernden Poren nehmen zusätzlich Wasser während eines Regenereignisses auf. Dieses Retentionsvolumen ersetzt nicht den länger wirksamen Bodenwasserspeicher.

Eine nachvollziehbare Beispielrechnung: Bei einer angenommenen nutzbaren Feldkapazität von 8 Vol.-% speichern 35 m³ Struktursubstrat rechnerisch 2,8 m³ beziehungsweise 2.800 Liter pflanzenverfügbares Wasser. Die nutzbare Feldkapazität ist ein Materialkennwert; die verfügbare Wassermenge ergibt sich aus Kennwert und tatsächlich erschlossenem Substratvolumen. Die Orientierungshilfe nennt für Struktursubstrate häufig etwa 5–8 Vol.-%, für Baumsubstrate etwa 13–20 Vol.-%. Quelle: Zeiser et al. (2026), S. 34.

Herkunft und Qualität des Regenwassers

Das Struktursubstrat dient als Wurzelraum und Retentionselement. Eine erforderliche Reinigung erfolgt vor der Einleitung. Dach- und Gehwegabflüsse sowie stärker belastetes Straßenwasser brauchen deshalb unterschiedlich ausgeführte Zuläufe. Für die Wahl der Reinigungselemente verweist die Orientierungshilfe auf die jeweils geltenden österreichischen Regelwerke und die wasserrechtliche Beurteilung des Standorts.

Streusalz stellt eine eigene Herausforderung dar: Gelöstes Chlorid kann sich im Wurzelraum bewegen und ins Grundwasser gelangen. Beim Wiener dualen System wird der Zulauf saisonal umgestellt, beispielsweise mit einem Schieber. Passive Bauweisen trennen vor allem einen ersten Spülstoß ab; die erreichbare Trennung hängt von der Dimensionierung und dem Regenereignis ab. Diese Zusammenhänge erläutern Zeiser et al. (2023), Abschnitt 3.11.

Was das Monitoring am Leonhardgürtel zeigt

Im Grazer Forschungsprojekt MUFUWU wurden verschiedene Einbauweisen und Baumstandorte untersucht. Der intensiv überwachte südliche Bereich umfasst rund 130 m² Oberfläche und 80 m³ Struktursubstrat. Er erhält Wasser von einem etwa 80 m² großen Dach, von Straßenflächen über ein Tiefbeet und über durchlässige Oberflächen.

Zwischen dem 1. Januar 2022 und dem 30. August 2023 lieferten 158 Niederschlagsereignisse mit mehr als 1 mm Regen rund 103 m³ Dachwasser. In Flutungsversuchen verteilte das etwa 1 % geneigte Vollsickerrohr bei 0,8 l/s den Zufluss nur über maximal 5 m seiner rund 28,5 m langen Strecke. Künstlich erhöhte Zuflüsse von 4–5 l/s erreichten 8–10 m. Die Beobachtung zeigt, warum die räumliche Verteilung ebenso wichtig ist wie die zugeführte Wassermenge.

Die japanischen Schnurbäume erreichten das Struktursubstrat bereits in der zweiten Vegetationsperiode. Beim Vergleich einzelner Bäume zeigte der Standort mit größerem, seitlich offenem Baumsubstrat stärkeren Stammzuwachs. Die Ergebnisse geben Hinweise auf die Bedeutung von Wurzelverbindungen und Pflanzgrubengestaltung; ihre Übertragung berücksichtigt die untersuchten Standortbedingungen.

Quelle: Zeiser et al. (2024), Zwei Jahre Schwammstadt für Bäume in Graz, V09-3–V09-10.

Forschung in Wien und Graz

Die Baumlysimeter in der Wiener Jägerhausgasse ermöglichen Wasserbilanzen unter bekannten Randbedingungen. Am Leonhardgürtel wird dagegen ein realer Straßenraum mit unterschiedlichen Zuläufen, Oberflächen und Bäumen begleitet. Ergänzende Standorte in der Seestadt Aspern und in Graz erweitern diesen Vergleich. Das Bundesamt für Wasserwirtschaft stellt die Forschungsstandorte und ihre gemeinsamen Fragestellungen vor.

Für die Praxis werden daraus konkrete Planungsfragen: Welche Oberflächen liefern ausreichend geeignetes Wasser? Wie erreicht es große Teile des Wurzelraums? Welche Anschlüsse ermöglichen späteres Auswurzeln? Und wer kontrolliert Einläufe, Filter und Rohrsysteme? Der Aufbau funktioniert dauerhaft nur, wenn diese Aufgaben schon in der Planung zusammengeführt werden.

Schwammstadt Graz – Video

Weitere Systeme im Vergleich: Stockholm, Zürich und Übertragbarkeit nach Deutschland.

Quellen und weiterführende Originalpublikationen

Emir Hasanagić

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Emir Hasanagić

Emir Hasanagić ist Projektmanager und Ansprechpartner von Black2GoGreen. Er verbindet fachliche Inhalte, den Austausch im Netzwerk und die Weiterentwicklung dieser Plattform.

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