Titelbild: Pflanzenkohle aus dem städtischen Kreislauf, Stockholm, Juli 2024. Foto: Emir Hasanagić / Claudia Kammann, Black2GoGreen
Stockholm hat ein Problem vieler Städte früh angepackt: Straßenbäume, die unter Pflaster und Leitungen keinen Platz für ihre Wurzeln finden. Seit 2002 baut die Stadt Pflanzgruben, in denen grober Schotter die Lasten der Straße trägt und die Hohlräume dazwischen den Wurzeln Luft, Wasser und Nährstoffe bieten. Heute gehört Pflanzenkohle aus städtischem Grünschnitt fest dazu.
Auf einen Blick
- Prinzip: ein tragfähiges Gerüst aus Schotter (Makadam), dessen Hohlräume mit Pflanzsubstrat oder Pflanzenkohle-Kompost gefüllt sind.
- Wurzelraum: mindestens 15 m³ zusammenhängende Skeletterde je Straßenbaum (Embrén & Alvem 2017/2022).
- Wasser und Luft: Belüftungsschicht und Belüftungsbrunnen leiten Regenwasser von Dächern und Gehwegen zu den Wurzeln.
- Zwei Bauweisen: eingeschlämmte Skeletterde (Schotter 90/150 mm) und vorgemischter Pflanzenkohle-Schotter (Schotter 32/90 mm).
Begriffe kurz erklärt: Skeletterde ist ein Gemisch aus grobem, gleich großem Schotter und feinem Substrat, das die Hohlräume füllt. Makadam nennt man diese einkörnige, gebrochene Gesteinskörnung ohne Feinanteil. Einschlämmen heißt, das Feinsubstrat mit Wasser in die Hohlräume zu spülen.
Warum Stadtbäume in Stockholm litten
Viele Straßenbäume der Stockholmer Innenstadt wurden im späten 19. Jahrhundert gepflanzt, als die Böden noch durchlässig waren. Seitdem wurden die Straßen gepflastert und Leitungen verlegt; Aufgrabungen und verdichtete Rückverfüllungen haben die Wurzeln immer wieder beschädigt. Die meisten der rund 45.000 Straßenbäume zeigten geringe Zuwächse sowie Wasser- und Luftmangel im Wurzelraum (Alvem et al. 2023).
Bei einer Zustandsbewertung des Verkehrsamts (Trafikkontoret) im Jahr 2001 wurden zwei Drittel der Bäume in der Innenstadt als absterbend oder abgestorben eingestuft (Embrén & Alvem 2017/2022; Alvem et al. 2023). Mit dieser Bewertung begann die Entwicklung des heutigen Pflanzgrubensystems.









Fotos: Stadt Stockholm, aus dem Handbuch „Pflanzgruben in der Stadt Stockholm“ (2017, dt. 2024).
Typische Schadursachen sind laut Stockholmer Handbuch zu kleine Pflanzgruben, Sauerstoff- und Wassermangel durch Versiegelung und Verdichtung, Salz, mechanische Schäden bei Bauarbeiten und die Konkurrenz mit Leitungen. Fehlt Sauerstoff, reichert sich Kohlendioxid im Wurzelraum an, und die Wurzeln sterben ab (Embrén & Alvem 2017/2022).
Wurzeln wachsen dorthin, wo sie Luft und Wasser finden – oft asymmetrisch, weit über die Kronentraufe hinaus oder in die Kiesbettung von Leitungen (Embrén & Alvem 2017/2022). Gleichzeitig fließt Regenwasser von versiegelten Flächen meist ungenutzt in die Kanalisation, obwohl es Bäume bewässern und das Kanalnetz entlasten könnte.

Herkunft der Bauweise
Das Stockholmer System verbindet Erfahrungen aus mehreren Ländern. Als wichtigste Anregungen nennen das Handbuch und Alvem et al. (2023) niederländische Standorte und die Hannoveraner Langzeitversuche zur Standortoptimierung von Straßenbäumen (Lösken 1999). Die Idee einer eigenen Belüftungsschicht stammt aus Dänemark, aus der Variante „gartnermakadam“ (Kristoffersen & Nilsson 1998, zitiert in Alvem et al. 2023; Embrén & Alvem 2017/2022).
Neu in Stockholm war, Skelettboden, Belüftungsschicht, Belüftungsbrunnen und die Einleitung von Oberflächenwasser in einem System zu vereinen. Seit 2009/2010 ersetzen Pflanzenkohle und Kompost die zuvor im Feinsubstrat verwendeten endlichen Rohstoffe (Embrén 2016; Embrén & Alvem 2017/2022; Alvem et al. 2023). Mehr zum Ursprung im Straßenbau: Makadam.
Entwicklung seit 2002
Die ersten Skeletterde-Standorte entstanden 2002 am Bysistorg und am Kungsbroplan. 2004 folgte mit der Erik Dahlbergs allé die erste Straße, in der ein grobes Stützskelett mit eingespültem Feinboden kombiniert und Dachwasser über Infiltrationsbrunnen eingeleitet wurde (Alvem et al. 2023; Embrén 2023).
Treibende Kraft war Björn Embrén, Baumsachverständiger im Verkehrsamt; seit 2007 ist Britt-Marie Alvem für die Straßenbäume zuständig (TASPO 2023; Alvem et al. 2023). In 20 Jahren entstanden mehrere hundert Pflanzgruben. Die Erfahrungen fasst ein Handbuch zusammen: erstmals 2009, in dritter Auflage seit 2017, auf Englisch seit 2022 und auf Deutsch seit 2024 (Übersetzung der Carbuna AG im Rahmen eines DBU-Projekts; Embrén & Alvem 2017/2022; DBU o. J.).


Das natürliche Vorbild und die Wurzelentwicklung





Bauweise 1: Stockholmer Skeletterde (Schotter 90/150 mm)
Die Skeletterde schafft in der Pflanzgrube ein Gerüst aus Steinen, die sich gegenseitig abstützen. So trägt die Grube Verkehrslasten, ohne zu verdichten – und zwischen den Steinen bleibt Platz für Wurzeln, Luft und Wasser.

Die Steine bilden die Körnung 90/150 mm. Schotter mit Nullanteil ist nicht zulässig, weil Feinanteile die Hohlräume verschließen. Die Steine werden in Lagen von 200 bis 300 mm eingebaut und verdichtet. Danach wird das Feinsubstrat in etwa 2 cm dünnen Lagen aufgebracht und mit einem scharfen Wasserstrahl in die Hohlräume gespült; dickere Auflagen erschweren das Einschlämmen. Das Stockholmer Handbuch beschreibt diese Arbeitsfolge auf S. 17. Je Kubikmeter Skelett braucht man etwa 0,25 m³ Feinsubstrat (Embrén & Alvem 2017/2022; Bell et al. 2024).
Tab. 1: Regelaufbau der Stockholmer Skeletterde unter befestigten Flächen, von oben nach unten (nach Embrén & Alvem 2017/2022)
| Schicht | Material | Dicke | Funktion |
|---|---|---|---|
| Oberbau | Deckschicht und Tragschicht nach Straßenbau | projektabhängig | Verkehrsfläche |
| Geotextil | Trennvlies, an Einfassungen, Brunnen und Bordsteinen hochgezogen | – | verhindert das Einspülen von Feinanteilen in die Belüftungsschicht |
| Ausgleichsschicht | Schotter 8/11 mm | 50 mm | schützt das Geotextil |
| Belüftungsschicht | Schotter 32/63 mm | 150 mm | verteilt Luft und Wasser; umschließt den perforierten Teil des Belüftungsbrunnens |
| Skeletterde | Schotter 90/150 mm (Makadam), lagenweise verdichtet; Hohlräume mit Pflanzsubstrat Typ B oder nährstoffangereicherter Pflanzenkohle eingeschlämmt | 600 mm | Tragskelett und Wurzelraum |
| Filterschicht | dünne Lage ungedüngter Pflanzenkohle | – | Filter für einsickerndes Oberflächenwasser |
| Planum | anstehender Boden, Gefälle 1 % zur Entwässerungsleitung | – | bei dichtem, tonreichem Untergrund Drainage vorsehen |



Fotos: Vortrag Björn Embrén, Black2GoGreen-Tagung 2024



Legende zur Skeletterde




Pflanzenkohle im Feinsubstrat
Ursprünglich wurde ein mineralisches Pflanzsubstrat (Typ B) eingeschlämmt. Heute wird stattdessen nährstoffangereicherte Pflanzenkohle mit reifem Kompost eingesetzt; erprobt wurden Pflanzenkohleanteile von 10 bis 25 Vol.-%. Mehr als 25 Vol.-% brachten in Embréns Versuchen keinen zusätzlichen Zuwachs (Embrén 2016, 2023).
Bei der eingeschlämmten Skeletterde werden Schotter und Feinsubstrat getrennt eingebaut. Eine vorab gemischte Lieferung kann sich entmischen und die Ausbildung des tragenden Steingerüsts beeinträchtigen (Embrén & Alvem 2017/2022; Alvem et al. 2023). Die Pflanzenkohle muss EBC-zertifiziert oder gleichwertig sein und wird mit Nährstoffen aufgeladen, da sie allein kaum düngt. Gegenüber Torf oder Kompost ist sie schwer abbaubar. Ihre Poren können Wasser und Nährstoffe aufnehmen; die Verkehrslast trägt das Schotterskelett (Embrén 2016; Embrén & Alvem 2017/2022).
Tragfähigkeit
Das schwedische Straßen- und Verkehrsforschungsinstitut VTI prüfte 2014 die Tragfähigkeit. Nach den Ergebnissen eignet sich die Bauweise für Fahrstreifen, Parkplätze und Gehwege (VTI 2015; Embrén & Alvem 2017/2022; Alvem et al. 2023).
Bauweise 2: Pflanzenkohle-Schotter (Schotter 32/90 mm)
Das Einschlämmen ist arbeitsintensiv: Firmen unterschätzten häufig den Aufwand, und in kalten Monaten war es schwierig (Alvem et al. 2023). Deshalb entwickelte Stockholm eine feinere, entmischungsstabile Variante – Schotter 32/90 mm, gemischt mit 15 bis 25 Vol.-% nährstoffangereicherter Pflanzenkohle und Kompost (1:1), vorgemischt geliefert. Versuche zeigen sehr gutes Baumwachstum; der Einbau ist einfacher und schneller (Embrén & Alvem 2017/2022).

Embrén (2016) beschreibt zudem eine Mischung aus 85 Vol.-% Schotter 32/63 mm und 15 Vol.-% Pflanzenkohle. In seinem Praxisbericht funktioniert eine durchgehende Lage mindestens ebenso gut wie der zuvor verwendete zweilagige Aufbau. Er berichtet von bis zu 25 % weniger Zeit- und Arbeitsaufwand durch die vorgemischte Lieferung sowie von durchschnittlich etwa 1 m jährlichem Baumwachstum an den beschriebenen Standorten. Dies sind Erfahrungen aus Stockholm; sie ersetzen keine standortbezogene Wachstumsprognose (Embrén 2016).
Legende zum Pflanzenkohle-Schotter


Mit dem vorgemischten Material zeigte sich, dass das gesamte Volumen bewässert werden muss, bevor die Oberfläche geschlossen wird – beim Einschlämmen war dieser Wasservorrat nebenbei entstanden (Embrén 2023, 2024).


Einfassung, Belüftungsbrunnen und Einläufe
Um den Wurzelballen wird eine Pflanzloch-Einfassung gesetzt – vorgefertigt oder aus Granitbordsteinen bzw. Betonleisten. Sie gibt dem Ballen Platz, stabilisiert den Oberbau und hält dessen Feinanteile von der Pflanzgrube fern. Die Schotterlagen müssen in ihre seitlichen Öffnungen fallen, damit sich der Oberbau später nicht setzt. Gefüllt wird die Einfassung mit Pflanzsubstrat; abgedeckt wird sie mit einem Baumrost aus Sphäroguss oder Cortenstahl oder mit Splitt.
Der Belüftungsbrunnen sitzt an einem Tiefpunkt der Pflasterfläche, ist auf Höhe der Belüftungsschicht perforiert und hat Öffnungen im Boden. Einfließendes Regenwasser verdrängt das CO₂ in der Belüftungsschicht und zieht beim Versickern frische Luft nach (Embrén & Alvem 2017/2022). An Vegetationsflächen sorgt ein Pufferstreifen aus Schotter oder Splitt dafür, dass Oberflächenwasser die Pflanzgrube erreicht.









Fotos und Schema: Vortrag Björn Embrén, Black2GoGreen-Tagung 2024
Tab. 2: Kennzahlen des Stockholmer Handbuchs für Straßenbäume in befestigten Flächen (nach Embrén & Alvem 2017/2022)
| Kenngröße | Wert / Vorgabe |
|---|---|
| Skeletterde je Baum | mindestens 15 m³, zusammenhängend; Bordsteine dürfen keine Schicht unterbrechen |
| Pflanzloch-Einfassung | Standard 1400 × 1400 mm außen, 1200 × 1200 mm innen; Füllung Splitt 2/6 mm mit 25 Vol.-% Pflanzenkohle-Kompost (50/50); Baumrost aus Sphäroguss oder Cortenstahl oder Splittabdeckung |
| Pflanzqualität | Stammumfang mindestens 30–35 cm, Stammhöhe 180–220 cm, Ballen ca. 100 cm Durchmesser und 60 cm Höhe |
| Belüftungsbrunnen | einer je Baum, 60 l, am Tiefpunkt; Bordsteineinläufe mit seitlicher Öffnung zur Fahrbahn |
| Feinsubstrat (Typ B) | Humus < 2 Gew.-%, Ton 4–8 Gew.-%, in ca. 2 cm dünnen Lagen eingeschlämmt |
| Pflanzenkohle | EBC-zertifiziert oder gleichwertig, aufgeladen mit hygienisiertem organischem Dünger oder NPK 5-1-4 |
| Anwachsbewässerung | 15. April bis 30. August, 140 l je Woche (zwei Wassersäcke) ab 20–25 cm Stammumfang; erste zwei Vegetationsperioden mit 2 ‰ Flüssigdünger |
Beispiele aus der Umsetzung








Retentionsbeete in Flatensbadet




Unterwegs in Stockholm
Bei der Studienreise im Juli 2024 haben wir Straßen, Plätze und Grünflächen in Stockholm besucht. Die Fotos zeigen, wie Bäume, Regenwasser und Verkehrsflächen im Stadtraum zusammenkommen.









Regenwasser und Streusalz
Stockholm nutzt Regenwasser zur Versorgung der Bäume; weil das Wasser in den Pflanzgruben zurückgehalten wird, sinkt zugleich die Belastung der Kanalisation. In der Innenstadt werden die Gruben vor allem mit wenig belastetem Wasser von Dächern und Gehwegen gespeist. In neuen Baugebieten dienen sie inzwischen vor allem der Retention; Versuche mit Fahrbahnwasser laufen (Alvem et al. 2023). Ist die Skeletterde gesättigt, muss überschüssiges Wasser in den Straßeneinlauf abfließen können (Embrén & Alvem 2017/2022).
Für die Hornsgatan mit 40 Bäumen und etwa 5.000 m² angeschlossener Dach- und Gehwegfläche schätzt Embrén (2023) bei rund 600 mm Jahresniederschlag etwa 3 Millionen Liter Wasser im Jahr und Einsparungen von etwa 3.000 € bei der Regenwasserbehandlung. In der Sockenvägen wurden 2018 insgesamt 99 Bäume in eine baumbestandene Rigole gepflanzt, die Wasser von Straßen, Gehweg und Radweg aufnimmt – dort waren bei Starkregen regelmäßig Keller überflutet worden (Alvem et al. 2023).
Salz ist eine typische Schadensursache, besonders auf Tonböden (Embrén & Alvem 2017/2022). Wo Radwege mit Salzsole besprüht werden, zeigen Bäume deutliche Schäden; in der Hornsgatan reichte eine Spülung mit 1 m³ Wasser je Belüftungsbrunnen in trockenen Frühjahren nicht aus. Künftig sind größere und wiederholte Wassergaben geplant; Brunnen und Einläufe werden ohnehin jährlich freigesaugt (Alvem et al. 2023).
Aus deutscher baumfachlicher Sicht wird die Einleitung von salzbelastetem Straßenwasser in Wurzelräume abgelehnt, da gelöstes Salz auch von Filtern nicht zurückgehalten wird (Doobe & Streckenbach 2023). Österreich setzt auf gering belastete Einzugsflächen, chloridfreie Auftaumittel und die Trennung von Sommer- und Winterwasser (Zeiser et al. 2023, 2026) – mehr dazu unter Wiener/Grazer System.
Kosten
Biber dokumentierte 2016 für eine 15 m³ große Pflanzgrube mit Skeletterde in Stockholm etwa 120.000 SEK, damals rund 12.500 €. Etwa die Hälfte entfiel auf Pflaster und Unterbau (Biber 2016, S. 61). Alvem et al. (2023) nennen für einen Baum mit 30 bis 35 cm Stammumfang einschließlich drei Jahren Pflege 3.500 bis 5.000 €. Beide Angaben sind historische Kostenbeispiele. Eine heutige Kalkulation muss Bauumfang, Standort, örtliche Preise und Leistungsumfang gesondert berücksichtigen.
Weil viele Kosten im Straßenbau anfallen, hängt die Umsetzung oft davon ab, wie Tiefbau, Grünflächen und Entwässerung die Kosten teilen. In der Rehnsgatan zahlte das Hochwasserschutzbudget (Embrén 2023). Nach den Erfahrungen des DBU-Projekts werden Pflanzenkohle-Substrate in Kostenschätzungen oft zu teuer angesetzt (Bregulla 2023).
Sanierung von Bestandsbäumen
Auch alte, vitale Bäume lassen sich nachrüsten. Nach Probegrabung und Wurzelkartierung wird der verdichtete Boden zwischen den Wurzeln mit Saugbagger und Druckluftlanze entfernt – meist bis in 500 bis 600 mm Tiefe. Danach wird Skeletterde oder Pflanzenkohle-Schotter eingebaut. Im Umkreis von 3 m um den Stamm dürfen Wurzeln über 30 mm nicht durchtrennt werden; freiliegende Wurzeln müssen feucht bleiben (Embrén & Alvem 2017/2022; Embrén 2023).
Am Kungsbroplan wurden Linden Anfang der 2000er-Jahre saniert. Nach weiteren Leitungsarbeiten 2018 litten sie 2019 unter Trockenheit, weil beim Absaugen viele Feinwurzeln verloren gegangen waren und der Wurzelraum zu lange offen lag. Freigelegte Wurzelräume müssen daher schnell geschlossen und sanierte Bäume in den Folgejahren bewässert werden (Alvem et al. 2023).
Sanierung im Bild



Vom Baumsubstrat zur Pflanzenkohle-Stadt
Aus dem Einsatz von Pflanzenkohle in Baumstandorten entstand das Stockholm Biochar Project. Es gehörte 2014 zu den fünf Gewinnern der „European Mayors Challenge“ von Bloomberg Philanthropies und erhielt 1 Million Euro (Embrén 2016; Biochar International 2017).

So funktioniert der Kreislauf
Am 29. März 2017 wurde die Pyrolyse-Pilotanlage in Högdalen offiziell eröffnet; die Produktion hatte bereits Ende Februar begonnen (Bloomberg Philanthropies 2017). Dort wird städtisches Pflanzenmaterial unter Sauerstoffausschluss erhitzt. Dabei entstehen Pflanzenkohle für die Bodenverbesserung und Wärme für das Fernwärmenetz. KTH beschrieb die Anlage 2018 mit rund 1.300 Tonnen Ästen und Zweigen pro Jahr, bezogen auf das Nassgewicht, und rund 300 Tonnen Pflanzenkohle pro Jahr; die abgegebene Wärme entsprach dem Bedarf von etwa 80 Wohnungen (KTH 2018). Kåre Gustafssons Studie von November 2017 nennt diese Mengen als vorläufige Anlagenkennwerte sowie etwa 150 kW Fernwärmeleistung. Die Werte beschreiben die damalige Anlagenauslegung, keine nachgewiesene Produktionsbilanz für 2026 (Gustafsson 2017, S. 4).

- Sammlung – Bürgerinnen und Bürger sowie die städtische Grünpflege liefern Pflanzenabfälle an Sammelstellen.
- Pyrolyse – das Material wird verkohlt; dabei entstehen Pflanzenkohle und Wärme.
- Energie – die Wärme wird in das Fernwärmenetz eingespeist.
- Verwendung – die Pflanzenkohle geht an die Grünpflege, an Haushalte und an das Verkehrsamt.
- Rückführung – in Baumgruben, Parks und Gärten bindet sie Kohlenstoff langfristig im Boden.
Für den 2017 angekündigten Ausbau auf fünf Anlagen wurden die Wärmeversorgung von etwa 400 Wohnungen und eine Kohlenstoffspeicherung im Umfang der Emissionen von etwa 3.500 Autos genannt (Gustafsson o. J.; Bloomberg Philanthropies 2017). Diese Projektziele beziehen sich auf den geplanten Gesamtausbau. Alvem et al. (2023) berichten, dass die Pilotanlage damals etwa 20 % des Pflanzenkohlebedarfs des Verkehrsamts deckte und eine größere Anlage geplant war.
Gemeinsam getragen
Der Erfolg beruht auf der Zusammenarbeit mehrerer städtischer Bereiche – Stadtplanung, Abfallwirtschaft, Energieversorgung und Grünpflege. Beteiligt waren unter anderem Mattias Gustafsson (Projektleitung, Stockholm Vatten och Avfall), Björn Embrén (Verkehrsamt), Jonas Dahlöff (SVOA), Kåre Gustafsson (Stockholm Exergi) und Katarina Luhr (Vizebürgermeisterin für Umweltfragen) (Bloomberg Philanthropies 2017, „Bringing Biochar to Your City“).


Wer Gartenabfälle abgibt, erhält kostenlos kleine Mengen Pflanzenkohle für den eigenen Garten; Workshops und Führungen machen das Prinzip der Kohlenstoffspeicherung verständlich (Bloomberg Philanthropies 2017, „Bringing Biochar to Your City“). 2022 kündigte Bloomberg Philanthropies an, das Modell auf sieben weitere Städte auszuweiten, darunter Darmstadt (Bloomberg Philanthropies 2022).
Weiterentwicklungen
Österreich und die Schweiz haben das Prinzip an ihre Bedingungen angepasst – mit größeren Volumina, stärkerer wasserwirtschaftlicher Einbindung oder vorgemischten Substraten. Siehe Wiener/Grazer System, Zürcher System und Übertragbarkeit nach Deutschland.
Weiterführende Links
- Bloomberg Philanthropies: Bringing Biochar to Your City – Lessons from the Stockholm Biochar Project
- Biokol-Initiative: biokol.org
- EDGE: Livable ’scapes – A Handbook of Bluegreengrey Systems
- Bloomberg Cities: Mayors Challenge
Weitere Anwendung im Vortrag

Quellen
- Alvem, B.-M.; Josefsson, J.; Ross, N.; 2023: Bäume und Regenwasser-Management – 20 Jahre Erfahrung mit dem Stockholmer Modell; in: Dujesiefken, D.; Amtage, T.; Streckenbach, M. (Hrsg.): Jahrbuch der Baumpflege 2023, 27. Jg., S. 120–132. Haymarket Media, Braunschweig. ISBN 978-3-87815-283-5.
- Bell, D. L.; Doick, K. J.; Sinnett, D.; 2024: The role of engineered tree pit solutions in nature-positive civil engineering; in: Proceedings of the Institution of Civil Engineers – Civil Engineering (accepted manuscript, 25.09.2024). https://doi.org/10.1680/jcien.24.00962; https://discovery.ucl.ac.uk/id/eprint/10203918/ (Abruf 16.07.2026).
- Biber, C.; 2016: Advanced Urban Trees – How street trees can be part of the solution. Masterarbeit, HafenCity Universität Hamburg. https://repos.hcu-hamburg.de/bitstream/hcu/195/1/Masterthesis_CarmenBiber_red.pdf (Abruf 13.07.2026).
- Biochar International (Biochar for Sustainable Soils); 2017: Launch of the Stockholm Biochar Project pyrolysis pilot plant (March 2017). https://biochar.international/launch-stockholm-biochar-project-pyrolysis-pilot-plant-march-2017/ (Abruf 19.08.2026).
- Bloomberg Cities Network; 2021: Solution Spotlight: Turning garden waste into a carbon sink in Stockholm (19.02.2021). https://bloombergcities.jhu.edu/news/solution-spotlight-turning-garden-waste-carbon-sink-stockholm (Abruf 18.08.2026, archivierte Fassung web.archive.org).
- Bloomberg Philanthropies; 2017: Stockholm Biochar Project, a Mayors Challenge Winner, Opens its First Plant (29.03.2017). https://www.bloomberg.org/blog/stockholm-biochar-project-mayors-challenge-winner-opens-first-plant/ (Abruf 18.08.2026, archivierte Fassung web.archive.org).
- Bloomberg Philanthropies; 2017: Bringing Biochar to Your City – Lessons from the Stockholm Biochar Project. https://www.bbhub.io/dotorg/sites/2/2017/03/Replicating-in-Stockholm.pdf
- Bloomberg Philanthropies; 2022: Mayors Challenge Winning Project to Combat Climate Change Will Spread to Seven Global Cities (Pressemitteilung 28.06.2022). https://www.bloomberg.org/press/bloomberg-philanthropies-announces-mayors-challenge-winning-project-to-combat-climate-change-will-spread-to-seven-global-cities/ (Abruf 19.08.2026, archivierte Fassung web.archive.org).
- Bregulla, D.; 2023: Vitale Stadtbäume und urbane Grünflächen durch Einsatz von Pflanzenkohle nach dem schwedischen Vorbild – Weiterentwicklung des „Stockholmer Modells“ in Deutschland. Projektvorstellung DBU Osnabrück, 13.12.2023 (Vortragsunterlagen, Carbuna AG). https://www.dbu.de/app/uploads/dbu_media-DBU-Osnabrueck_Carbuna-AG_20231213.pdf (Abruf 25.08.2026).
- DBU – Deutsche Bundesstiftung Umwelt; o. J.: Projekt 38453/01 – Weiterentwicklung des „Stockholmer Modells“ in Deutschland zur Vitalisierung von Stadtbäumen und urbanem Grün mit Substraten aus Schotter, Kompost und Pflanzenkohle (Carbuna AG, Förderzeitraum 19.12.2022–31.01.2025). https://www.dbu.de/projektdatenbank/38453-01/ (Abruf 25.08.2026).
- Doobe, G.; Streckenbach, M.; 2023: Bäume unter Wasser; in: TASPO Baumzeitung 02/2023, S. 31–34 (bearbeitete Kurzfassung des Beitrags im Jahrbuch der Baumpflege 2023). https://www.galk.de/component/jdownloads/?task=download.send&id=869&catid=51&Itemid=2505 (Abruf 09.09.2026).
- Embrén, B.; 2016: Planting Urban Trees with Biochar – The Stockholm Project; in: the Biochar Journal (tBJ), Arbaz (CH), S. 44–47. ISSN 2297-1114. https://www.biochar-journal.org/en/ct/77 (Abruf 09.07.2026).
- Embrén, B.; 2023: Stockholm’s structure (rock) plant beds – A sustainable urban plant bed. Unveröffentlichte Vortragsunterlagen (PowerPoint, 351 Folien, Stand 2024), Arbor Konsult AB, Stockholm.
- Embrén, B.; 2024: The basics of Stockholm plant beds. Unveröffentlichte Vortragsunterlagen (PowerPoint, 38 Folien, März 2024), Arbor Konsult AB, Stockholm.
- Embrén, B.; Alvem, B.-M.; 2017/2022: Planting beds in the City of Stockholm – a handbook 2017 (3. Aufl.; Texte: B.-M. Alvem, R. Grönjord; engl. Übersetzung 2022). Stadt Stockholm, Trafikkontoret. https://www.tdag.org.uk/uploads/4/2/8/0/4280686/planting_beds_in_the_city_of_stockholm_v4.5.pdf – schwed. Original: Växtbäddar i Stockholms stad – en handbok 2017, https://leverantor.stockholm/globalassets/foretag-och-organisationer/leverantor-och-utforare/entreprenad-i-stockholms-stads-offentliga-rum/vaxtbaddshandboken/vaxtbaddar_i_stockholm_2017.pdf – dt. Übersetzung: Pflanzgruben in der Stadt Stockholm – ein Handbuch 2017, Carbuna AG 2024, https://www.carbuna.com/pages/handbuch-stockholm (Abruf jeweils 10.07.2026).
- German Biochar e. V.; 2024: Handbuch Stockholmer System (Meldung). https://german-biochar.org/tag/staedtebau/ (Abruf 26.08.2026).
- Gustafsson, M.; o. J.: Stockholm Biochar Project. Vortragsfolien, EcoTopic/Stockholm Biochar Project (veröffentlicht von US Biochar Initiative). https://biochar-us.org/sites/default/files/presentations/2.3.1%20Stockholm%20Biochar%20Project%20Mattias%20Gustafsson%20-.pdf (Abruf 20.08.2026).
- Gustafsson, K.; 2017: Biokol – en möjlighet att reversera klimatförändringarna. Studie, Fortum Värme, 20.11.2017, S. 4; Anlage zur Sitzung der Stockholmer Kommunstyrelse vom 11.04.2018. https://meetingspublic.stockholm.se/welcome-sv/namnder-styrelser/kommunstyrelsen/mote-2018-04-11/agenda/ks-2018484-bilaga-7apdf?downloadMode=download (Original geprüft 13.10.2026).
- Kristoffersen, P.; Nilsson, K.; 1998: Lyckade försök med rotvänlig vägbyggnad; in: Utemiljö 1998, Nr. 8, S. 8–12 (zit. nach Alvem et al. 2023).
- KTH Royal Institute of Technology; 2018: System analysis of biochar production and use in Swedish urban and rural areas (Stand 24.01.2018). https://www.kth.se/en/seed/forskning/alk/pagaende-forskningsprojekt/biokol-1.792570 (Abruf 21.08.2026, archivierte Fassung web.archive.org).
- Lösken, G.; 1999: Standortoptimierung für die Pflanzung von Straßenbäumen – Zwischenergebnisse von Langzeitversuchen; in: Dujesiefken, D.; Kockerbeck, P. (Hrsg.): Jahrbuch der Baumpflege 1999, S. 165–175. Thalacker Medien, Braunschweig. ISBN 3-87815-120-9.
- Stoisser, T.; 2023: Das Stockholmer Pflanzsystem in der Stadt Graz – vom Pilotprojekt zur bewährten Standardbauweise; in: Dujesiefken, D.; Amtage, T.; Streckenbach, M. (Hrsg.): Jahrbuch der Baumpflege 2023, 27. Jg., S. 133–144. Haymarket Media, Braunschweig. ISBN 978-3-87815-283-5.
- TASPO; 2023: Bäume unter Wasser – Vorschau Deutsche Baumpflegetage; in: TASPO Nr. 15, 14.04.2023, S. 13. https://www.deutsche-baumpflegetage.de/images/presse/pressestimmen/TASPO_15_2023.pdf (Abruf 09.09.2026).
- VTI – Statens väg- och transportforskningsinstitut; 2015: Dränerande hårdgjorda ytor i stadsmiljö – nedbrytningstester med HVS-utrustning hos VTI. Vinnova-Projekt 2012-01271, Stockholm (zitiert nach Embrén & Alvem 2017/2022).
- Zeiser, A.; Rath, S.; Grimm, K.; Schmidt, S.; Klammler, G.; Zimmermann, D.; Murer, E.; Roth, T.; Strauss, P.; Weninger, T.; 2023: Überlegungen zur Dimensionierung und Ausführung des Systems Schwammstadt für Bäume; in: Österreichische Wasser- und Abfallwirtschaft 75, S. 449–462 (Open Access, CC BY 4.0). https://doi.org/10.1007/s00506-023-00962-0 (Abruf 04.09.2026).
- Zeiser, A.; Rath, S.; Loicht, J.; Strauss, P.; Weninger, T.; 2026: Das Schwammstadtsystem für Bäume – Orientierungshilfe zur funktionsorientierten Umsetzung. BAW-Schriftenreihe Band 38, Bundesamt für Wasserwirtschaft, Scharfling. https://doi.org/10.83306/baw_sr_38_2026 (Abruf 17.09.2026).

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Emir Hasanagić
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